WESTWERK.

WESTWERK.

Im Westwerk werden mit The Magic I.D. Linien kollektiver Musik sichtbar, die sich in den Süden Englands, nach Canterbury zurückverfolgen lassen. Das Quartett aus Berlin
und Wien knüpft an kollaborative Ansätze der frühen 70er Jahre an und übersetzt sie in eine heutige offene Form.

The Magic I.D. lassen sich als moderne Gruppe lesen:
zwei Stimmen (Margareth Kammerer, Christof Kurzmann), gespiegelt von zwei Klarinetten (Michael Thieke, Kai Faga-
schinski), dazu Elektronik und Gitarre, ohne instrumentale
oder autorielle Dominanz. Unhöfischer Kammerpop, vielleicht vielstimmige Kammermusik, die an alles andocken kann, an südafrikanischen Bossa ebenso wie an Elektronik und Impro-
visation. Intim, präzise und quer. Die Arbeitsweise steht in
einer Linie mit der britischen Canterbury-Szene, in der Musiker:innen wie Robert Wyatt, Julie Driscoll oder Dagmar Krause ab den späten 60ern im Rahmen bröckelnder gesell-
schaftlicher Autoritäten auch Songformen, Stimmen und Texte von festen Formen lösten. Wyatts Texte zum Beispiel verbanden sich bald untrennbar mit denen von auf links gedrehten Pop-Coverversionen und vor allem mit den Texten (und Bildern)
von Alfreda Benge, die gemeinsam politische Wahrnehmung, Alltagssprache und internationale Perspektiven in den Fokus ihrer Musik setzten und bis heute nachwirken. Parallel dazu hatten populäre Kollektive wie Fleetwood Mac andere Formen von Kollektivität entwickelt, indem sie Beziehungskonflikte, Mehrstimmigkeit und Arbeitsteilung in den Mainstream über-
führten und sich dort bis heute festsetzten. Die Canterbury-Ethik wurde durch die Indie-Szenen, den Postrock, linke Kulturzentren und die Improvisationsszenen weitergetragen:
in Wien nicht zuletzt durch Christof Kurzmanns internationale Arbeiten zwischen Stimme, Text und Elektronik; in Berlin etwa durch Echtzeitmusik und ihre kollektiven Produktionsformen.
The Magic I.D. verbinden diese Linien: Improvisation, Pop, Literatur und inhaltliche Anliegen als gleichberechtigte Ebenen. Ihre beiden Alben »Till My Breath Gives Out« (Erstwhile) und »I’m So Awake/Sleepless I Feel« (Staubgold) markieren diese Haltung: Robert-Wyatt-Ethik in einer Zeit der Fleetwood-Mac-Mechanismen.

Die Gruppe arbeitet im Westwerk an ihrem dritten Album.

 

2026

Ersatzneujahrskonzert