WESTWERK.

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20459 Hamburg

Damit greifen sie aber auch eines der zentralen Themen der modernen Gesellschaft und ihrer Vertreter auf, die nach medizinischen Kriterien und über die zur Verfügung stehende Lebensspanne gerechnet noch nie so viel Zeit hatten wie jetzt und doch darüber klagen, stets zu wenig davon zu haben. Der Widerspruch wird noch augenfälliger, wenn man zusätzlich etwa die Benefits der modernen Technologien in Betracht zieht, die in einer abstrahierenden Interpretation nichts Anderes bringen sollen als Zeitgewinn. Das reicht von den aktuellsten Apps aus dem App Store, mit dem impliziten Versprechen, das Handling der Gegenwart bis in die letzte Verästelung zu vereinfachen, zu beschleunigen, um damit Zeit und Raum für Anderes freischaufeln zu können. Das geht über das Internet, mit seiner annähernden Gleichzeitigkeit von Raum, Zeit und Lokalität bis hin zu modernen Mobilitätsdevices; siehe etwa Hyperloop-Phantasien des Emobility-Entwicklers Elon Musk oder die Radikalität der Idee des »Autonomen Fahrens«, welche die Entfernungen zwischen Orten und Positionen auf ein zeit- und moralunkritisches Maß schrumpfen lassen, von dem frühere Generationen nicht einmal zu träumen gewagt hätten. 
Und doch scheinen die Anforderungen an die Menschen
über das technologische Commitment in Bezug auf Zeit-
und Komfortgewinn zu wachsen, mit der gegenteiligen
Folge, dass sich bei vielen Menschen ein permanentes
Gefühl der Überforderung und des Unwohlseins einstellt.

Die künstlerische Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist nun jene nach den Folgen, was passiert, wenn sich die Gesellschaft oder einzelne Teile aus ihr, einfach aus dem Zeitfluss herausnehmen, beiseite treten und sich selbst einem Reframing unterziehen, einem Freezing der emotionalen Befindlichkeit.

Die unterschiedlichen Positionen der KünstlerInnen halten den Fluss der Zeit eine Weile lang an und ermöglichen einen verqueren, kontemplativen und teils verstörenden Blick auf das, was sonst in weniger wahrnehmbarem Tempo an der Gesellschaft vorbeirauscht. Sie reduzieren die Komplexität der zeitlichen Interdependenz der Jetztzeit auf ein fassbares Maß einer Slowmotionapplikation aktueller Handyvideos. Das schafft neue Zugangspunkte, neue Erklärungsmuster und neue Ansätze in dem Bestreben, sich selbst, seine Umgebung und übergeordnete Zusammenhänge zu verstehen. Der Zugang ist politisch relevant in dem Sinn, als gerade die rasenden Umgestaltungen zwischen Terrorgefahr, Wertediskussionen und Flüchtlingsströmen als ein zeitkritisches Phänomen die Gesellschaft zu überfordern scheint. Das Anhalten einer scheinbar nicht zu stoppenden Entwicklung ist, wie das Anhalten der Zeit, ein schier aussichtsloses Unterfangen, in einem quälenden Widerspruch wie auch Entsprechung zu dem Empfinden jener Flüchtlinge, die aus ihrer Zeit herausgerissen in der Warteschleife zwischen den Welten gefangen sind, und sich in Zeit und Raum neu verorten müssen. Aber es ist ein Unterfangen, das genau durch diese künstlerische Zugänge stellvertretend geleistet werden kann und muss.

Freitag | 20. Oktober 2017 | 19 Uhr

Ausstellung: 21. bis 24. Oktober 2017

Betriebsausflug (Cities over water)