WESTWERK.

WESTWERK.

Admiralitätstr. 74

20459 Hamburg

In den 30 Jahren sind hier unzählige Bands aufgetreten. Mit Musik aller Schattierungen und Tendenzen. Vom Feinfühligsten, Zartesten, Nachdenklichsten, Besinnlichsten, exzentrisch Introvertiertesten zum Lautesten, Brachialsten, Experimentellsten, Tanzwütigsten, extravagant Extro-
mentierungen, Besetzungen und technischen Ausstattungen, innovativ modern, klassisch alt oder kreativ zeitlos. Natürlich auch mit entsprechend variierendem Publikumserfolg.
Der rote Faden durch all die Jahre, in denen Westwerk als Veranstalter des musikalischen Genusses und der Experimentierlust agierte, ist immer der Enthusiasmus gewesen.

Dieser sollte sich auch in dem Eintagsfestival ANRISS widerspiegeln. Anfangs wirkten die beiden Räume Westwerks wie ein seltsam anmutender elektronischer Park oder das Interieur einer überdimensionalen Pinball Machine. Überall leuchteten farbige Lampen auf, flackerten wechselnde Filme und Projektionen: Gesichter junger und alter Menschen, alte Plakate, Musikergesichter, Schriften, Architekturen, Ausstellungsansichten, Kunstwerke, Postkarten-motive früherer Veranstaltungen … Und fünf Bühnen. In der Halle zwei: Die erste frontal gegenüber dem Eingang, eine zweite schoss aus einer keilförmigen Nische. Auf dem Weg in die Bar kam man an einer schmucken ebenerdigen Bühne vorbei, wie eine kleine Theaterloge, gefangen im Eingang einer Metall-
werkstatt. Dann hinten im Barraum, mit dem Rücken zum Fleet, die klassische Konzertbühne Westwerks. Und dieser gegenüber, oben auf der Empore über dem Tresen, wie in den Wolken schwingend, eine letzte Bühne, die man nur mit erhobenem Haupt sehen konnte. Überraschend war auch die sechste, temporäre »Bühne«, die zeitweise bespielt wurde, um sich dann wieder in ein Treppenhaus zu verwandeln: Westwerks gesamtes Treppenhaus vom Erdgeschoss bis zum obersten Stock bildete eine vertikale Bühne; ein Riegel, aus dem zu bestimmten Momenten Musik hinunterrieseln sollte.

Das ist lediglich eine Geografiebeschreibung. Um 18 Uhr startete eine Art wundersame Musikmaschine, die bis fünf Uhr morgens ohne Unterbrechung in Betrieb blieb. Die Frage, wie ein Festival mit 30 Auftritten an einem Abend vonstatten gehen sollte, wurde rasch gelöst. Und zwar so elegant, dass sich nach kurzer Zeit keiner mehr die Frage gestellt hat. Zuerst erlebten wir ein noch nie gehörtes, feingewobenes Getose und akustisches Palimpsest: Aus allen Soundquellen (denn so müsste man die verschiedenen Bühnen nennen) erklang gleichzeitig Musik von allen, die auf diesen Bühnen als erste ihre Musik aufführen würden. Es war, wie man es

im Programm nannte, ein »Tutti«. Während dieses multi-
dimensionalen Zusammenklangs konnten Zuschauer in den Räumen hin- und herwandern und je nach Lust bestimmte Quellen lauter wahrnehmen oder leiser werden lassen, je nachdem, wo sie sich räumlich aufhielten. Auf eine gewisse Art wurde der Raum zu einem körperlich erfahrbaren Verstärker. Wie in der Plattenspieler-Installation von John Cage bestimmte die physische Nähe zu einer der Bühnen die Art von Musik, die zu hören war. Die Musiker selbst hörten sich auch mal besser, mal gar nicht – abhängig von der Entfernung ihrer Kollegen. So ergab sich eine Art musikalischer Stille Post für die ersten 20 Minuten des Festivals.

Diese Tutti-Einschübe sollten insgesamt drei Mal im
Lauf der langen Nacht stattfinden; jedes Mal mit anderer Besetzung, jedes Mal sehr spannend, weil das daraus wachsende vermeintliche Chaos eben nicht die gewollte Musik eines Komponisten oder einer Band war, sondern
die unwillkürliche Summe aller musikalischer Zutaten.
Jedes Mal klang Tutti völlig anders. Tutti war einer der
großen Publikumserfolge dieser Nacht.

Zwischen den Tutti-Einschüben drehte sich das Festivalgeschehen wie ein Karussell. Es gab keine Pausen während der ganzen Nacht. Das seltsam flaue Gefühl von Desintegration, das man so oft in Auf- und Umbaupausen
bei Konzerten kennt, war auf magische Weise nicht existent. Alle zwanzig Minuten wechselte die Bühne, das Publikum wanderte mit. Ob Singer-Songwriter, ob surrealer Pop, ob improvisierte Kinomusik, ob Free-Jazz, Punk oder Balladen, egal in welchen Kombinationen: Jeder Act hatte 20 Minuten. Alle hielten sich (mehr oder weniger) an den Ablauf. Das Uhrwerk der seltsamen, rhythmisierten, flackernden, Lewis-Carroll-artigen Musikmaschine lief unablässig bis zum frühen Morgen.

Während der Nacht kamen Menschen aus allen Szenen, angelockt von Bands und Musikern, die sie kennen und lieben, und staunten über die Vielfalt, die Lust, den Enthusiasmus und die extrem gute Stimmung. Auch die Komik der unmöglichen und wunderbaren Mischung an Stilen und Genres wurde goutiert. Einerseits lebte der »Zirkus« dieser Nacht davon, dass so viele Bands bereit waren, sich ohne Sicherheitsnetz auf das Abenteuer im Westwerk einzulassen. Mit nicht viel mehr als einem tollen Catering, etwas Taxigeld und einem sehr guten Sound als Gegenleistung. Andererseits war es auch der großartigen Konzeption und Planung von Anriss als »tönendem Raum« zu verdanken, dass die Nacht so vielen Menschen Genuss bereitet hat. Natürlich sind gegen 2 Uhr morgens einige Leute gegangen, aber die Vielfalt an sehr unterschiedlicher Musik hielt viele bis zum Schluss in ihrem Bann. Die massive Arbeit bei der Vorbereitung hat sich gelohnt. Augen und Ohren wurden geöffnet, Erwartungen übertroffen, neue Freundschaften geschlossen. Und die Technik hat kein einziges Mal in der langen Nacht versagt.

So eine Veranstaltung, meinten einige, hätten sie noch nie erlebt. Und so eine Veranstaltung würde man wohl nur im Westwerk zustandebringen. Warum, ist schwer zu sagen. Aber an anderen Spielplätzen kann ich mir ein solches Experiment kaum vorstellen. Jedenfalls waren Neugier, Fantasie und gute Musik die großen Sieger – das ist doch was.

ANRISS 2016

Helgoland, 13. Februar 2016