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Frösche. Fische. Hubschrauber.
Frösche. Fische. Hubschrauber.
Eröffnung: Freitag, 11. Dezember 2009
Ausstellung: 12. bis 20. Dezember 2009
»Weltplanungsbüro #001«
Martin Werthmann erzählt in neuen großformatigen Holzschnitten von Fröschen, Fischen und Hubschraubern. Die Installation aus Skulpturen im Raum der Ausstellung setzt sich im Bildraum der Drucke fort. Seine spielerisch gebauten Welten fragen nach Vergleichbarkeit, Bezügen und Gültigkeit zwischen den einzelnen Elementen. Aus dem Scheitern der Analyse der Wirklichkeit erwächst eine zynisch romantische Welt.
Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schaffen
Martin Werthmann wird oft von dem – im weitesten Sinne – Mangelhaften, dem Fehlerhaften angezogen. Besonders eindrücklich tritt diese Faszination zutage bei den Hunde-Skulpturen, die seit 2006 entstehen. Nur auf den allerersten Blick wirken diese Hunde wie Stofftiere, schon der zweite Blick offenbart einigermaßen verstörende Mängel: nicht nur fehlen dem Hund jeweils Ohren, Augen und Maul, er hat auch nur drei Beine – eines der Hinterbeine wurde ihm anscheinend gewaltsam ausgerissen. Zumeist aus in Wachs getauchter Baumwolle bestehend, sind die Hunde von ambivalenter Materialität: einerseits nachgiebig und weich, andererseits durch das Wachs mit einer abweisenden Schicht versiegelt, die nur durch die klaffende Wunde an Stelle des ausgerissenen Beins aufgebrochen ist, aus der die Füllung quillt.
Der Künstler verweist im Zusammenhang mit seinen Hunde-Skulpturen auf Samuel Becketts Einakter »Endspiel« (1957), in dem ein schwarzer Plüschhund vorkommt, dem ein Bein fehlt. Dieser jedoch wird in dem Stück als »noch nicht fertig« bezeichnet. Ließe sich daraus folgern, dass Martin Werthmanns Hund auch noch auf seine Vollendung wartet? Kaum. Denn es gibt ihn in vielfacher Ausführung und nicht zuletzt sogar in Blei gegossen (»o.T. (Bleihund)«, 2006) – untrügliche Zeichen für sein Vollendetsein und dafür, dass es der vermeintliche Makel der Dreibeinigkeit sein könnte, der den Künstler hier interessiert. Oder ist es das Fehlen selbst, dem hier eine Form gegeben wird? Vieles spricht dafür, denn bei der Betrachtung von Werthmanns Werk fällt auf, dass das Fehlen, die Abwesenheit von etwas – oder von jemandem – immer wieder im Zentrum seiner Arbeiten steht: der unbesetzte Schreibtisch, der nicht nur den Sitz des Denkers anzeigt, sondern im Zusammenhang mit der Ausstellung gleichsam als Altar positioniert ist, dahinter der leere Stuhl als Zeichen der Abwesenheit des Planers, des »Kopf des Ganzen«, das bekrönte Schaf, das, auf ein Rollbrett geschraubt und ohne Herde Macht und Ohnmacht zugleich in sich verkörpert, und schließlich das – freilich im konventionellen Sinne unspielbare – Schachspiel ohne Spieler. Innerhalb dieses laborartigen Settings treten an die Stelle des abwesenden Menschen oder Gegenstandes unterschiedlichste Dinge: eine Frage, ein Vakuum, ein Erklärungsversuch, vielleicht ein Hinweis.
Jedes von Martin Werthmanns Werken kann hier als Beitrag zu einer andauernden Diskussion zwischen dem Künstler und der Welt gelesen werden. Dies drückt sich ebenso in der aktuellen Ausstellung aus, in der Werthmann auf selbstgefertigten Sockeln, die auch als Transportkisten oder Regale dienen, nicht nur vollende Arbeiten wie die energiegeladenen - und darum folgerichtig mit einer Steckdose versehenen – Bleiskulpuren (Zornspeicher, 2008), zeigt, sondern daneben auch Bestandteile seines alltäglichen Lebens wie den Herd mit Kochtopf (zugleich Verweis auf den Künstler als Alchemist in seinem Labor) und darüber hängender Beuys-Grafik. – Das Prozesshafte des künstlerischen Denkens und Schaffens, die Notwendigkeit des pausenlosen neuen Verhandelns von Ideen und Fragestellungen wird in diesem unhierarchischen Nebeneinander besonders evident und als etwas Gegebenes deklariert.
Seine Gewissheit um die Endlosigkeit dieses »Verhandelns« drückt sich nicht zuletzt in Werthmanns Interesse für zirkuläre Bewegungen aus, so beispielsweise in der Installation »Panzer auf Laufband« (2008), bei der sich ein kleines Panzermodell auf einem Fitnessgerät abmüht. Räder, Strudel und Rollen gehören ebenfalls zum Formenrepertoire des Künstlers –jedoch: der Panzer kommt trotz ununterbrochener Anstrengung auf dem Laufband nicht von der Stelle, und das Schaf (»Das tote Leitschaf«, 2008) kann sich nicht aus eigener Kraft auf dem Rollbrett fortbewegen. Weder technische Ausstattung noch die Insignien der Macht ermöglichen ein Vorwärtskommen.
Wie ein Kommentar zu seiner künstlerischen Herangehensweise wirkt Werthmanns Video »Parlament« von 2007, in dem die manchmal lebhaften, manchmal zähen Debatten britischer Abgeordneter zu sehen und zu hören sind. Das Parlament dort, das Atelier hier – dort wie hier muss die Wirklichkeit (oder was immer wir dafür halten) stets neu erörtert, debattiert und definiert werden. Und weil Martin Werthmann Bildhauer ist mit einer starken und in seinen Werken stets deutlichen Faszination für die Beschaffenheit und Ambivalenz von Material, sind seine Beiträge zu dieser Debatte visueller, plastischer, haptischer Natur. Ganz gleich jedoch, in welcher Form sie geführt wird, am Ende einer jeden Debatte muss eine Entscheidung stehen – die jederzeit angefochten werden kann. Von allen. Nicht zuletzt vom Sieger der Debatte selbst.
Dr. Barbara Josefa Scheuermann
Martin Werthmann:
Geboren 1982 in Gießen.
Lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin.