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Form follows work.
Form follows work.
Eröffnung: Donnerstag, 12. November 2009
Ausstellung: 13. bis 22. November 2009
»Arbeit an der Form«
Stein- und Bronzeskulpturen, Zeichnungen, Fotoarbeiten
Bis vor kurzem habe ich (mit einem Gefühl von Unklarheit) meine Arbeiten der letzten Jahre als »künstlerisches Arbeiten« oder »forschen mit künstlerischen Mitteln« bezeichnet. Heute habe ich gelernt zu unterscheiden und begriffen, dass meine Arbeiten immer einem tiefer liegendem Prinzip galten: der »Form«. Heute kann ich sagen »ich erforsche Form« und »ich arbeite an der Form«.
Zu diesem Erkentnissschritt verhalf war mir das Buch Laws of Form von George Spencer Brown. Form ist hier der Anfang von Allem, ein Prinzip, welches noch vor der Kunst liegt. Es geht um die Entstehung eines Universums aus dem Nichts durch eine Unterscheidung. Zur Eröffnung der Ausstellung spricht deshalb Felix Lau, der Autor des Buches Die Form der Paradoxie, zu den Laws of Form von George Spencer Brown.
In der Ausstellung zeige ich unter anderem fünf geometrische Formen aus Stein (Durchmesser 18 cm) und fünf Abwicklungen der Steinoberflächen aus Bronze. Die Skulpturen bilden das Zentrum des Ausstellungsraums, sie werden begleitet von Zeichnungen, Drucken, Steinabreibungen aus Kupferblech und Fotografien.
Klaus Becker, 2009
Arbeit an der Form
Alles was ist, ist in der Form. Indem wir geboren werden, werden wir unterschieden aus dem formlosen Ganzen, der formlosen Leere, dem formlosen Alles, dem formlosen Nichts und treten ein in die Form. Wir werden jedoch nie vollkommen vom Ganzen getrennt. Trotz der Unterscheidung bleibt das formlose Ganze ein Teil der Form. Diesen Hintergrund der Form spüren wir als das Geistige. So bleibt Form formlos und wandelbar.
Form ist Trägheit. Form möchte bleiben, wie sie ist. Die träge, starre Form ist Vergangenheit, ist Spur, ist Gerüst, ist Skelett. Wir brauchen die Trägheit der Form um uns in der Form zu halten. So gesehen ist sie ein Segen, aber sie ist Vergangenheit. Die träge Form will sich erhalten und reagiert mit Angst auf die Veränderungen, die uns die Rufe aus der Zukunft ankündigen. So ist Kampf die Reaktion der trägen Form auf Veränderung. Sie glaubt, sie müsse festhalten an dem was ist, und kämpft um ihren Erhalt.
Form ist Wandlung. Die Zukunft ruft und die Form will sich wandeln. Die Ursachen der Wirkungen liegen nicht in der Vergangenheit, sondern in den Möglichkeiten der Zukunft. Die Form in der Wandlung spürt die Möglichkeiten der lebendigen Zukunft. In der Wandlung ist Freude die Reaktion der Form auf Veränderungen.
Form ist Schwingung. Die Möglichkeiten der Zukunft rufen und versetzen die Form in Schwingung. Die starre Form würde unter den Rufen der Zukunft zerspringen. Deshalb schwingt die lebendige, gegenwärtige Form, denn nur wenn sie schwingt, zerbricht sie nicht. Schwingung erhält die träge Form. Halten wir fest und bleiben in der Trägheit, spüren wir die Schwingung als Angst. Lassen wir los und gehen in die Wandlung, spüren wir die Schwingung als Zuversicht und Freude. Indem wir schwingen, horchen wir. Horchen in der Stille ist Gegenwärtigkeit. Diese Gegenwärtigkeit spüren wir als Freude. Das ist der kreatürliche, schöpferische Moment der Gegenwart. Indem wir in der Stille horchen, findet Form ihren Weg mit Freude, ohne Kampf.
Alles, was wir denken können, alle Pläne, alle Ziele, die wir uns ausdenken, sind Ergebnisse unserer Erfahrungen und der Fakten der Vergangenheit, des schon gestorbenen. Dagegen die Möglichkeiten, die wir nicht denken können, weil wir sie noch nicht kennen, sind gespeist aus der Zukunft, vom Leben. Es gilt, auf das Klingen der Zukunft zu horchen und so die Möglichkeiten zu finden, die wir nicht denken können, die wir aber fühlen, dass sie da sind, obwohl sie noch nicht da sind. Wir sind diejenigen, die sie in die Form bringen können. Dies ist unsere Aufgabe und Verantwortung. Den Ruf der Zukunft zu hören ohne zu denken ist der kreatürliche Moment der Gegenwart. So entsteht aus dem Nichts neue, ungedachte Form. Dabei müssen wir nicht kämpfen, nur Stille erzeugen und Horchen auf die Eingebung aus der Zukunft. Der angstfreie, freigebige, umherschweifende Geist ist gegenwärtig und kann die neue Form empfangen. Das ist auch das, was wir mit Freiheit meinen: angstfreies Horchen. In den Momenten, in denen wir ohne Angst horchen, spüren wir Freude. Wir lieben den kreatürlichen Moment der Gegenwart, weil wir in ihm frei sind und Freude fühlen. Arbeit an der Form ist dieses Horchen in der Stille.
Das ist die wirkliche Arbeit: nichts tun. Alles andere ist Geschwätz.
Die Erzeugung der Stille erfordert Kraft und Konzentration. Wir übertönen lieber den Ruf der Zukunft mit Geschwätz, als auf ihn zu horchen. So laufen wir Gefahr, unser Leben im Geschwätz zu vertun. Viele Menschen spüren das, deshalb lieben sie die Kunst, denn Kunst wird in der konzentrierten, angstfreien Stille geboren.
Klaus Becker, 2009
Zur Eröffnung sprachen miteinander Felix Lau, der Autor des Buches Die Form der Paradoxie, zu den Laws of Form von George Spencer Brown und Klaus Becker zur Arbeit an der Form.